Zur Geschichte von Neu-Schottland
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts existierten bereits erste Hüttenwerke an Ruhr und Lippe, die sich zunächst mit dem einheimischen Erzvorkommen, dem Raseneisenerz längst des Lippetales bis Lippstadt sowie im Raum Gütersloh begnügen mussten. Dieses Erz hatte sich sehr nahe unter der Erdoberfläche – also quasi unter dem Rasen - abgelagert. Später kam auch der Kohleneisenstein im Zuge des Steinkohlenbergbaues zur Ausbeute.
Durch Bündelung der ersten Werke (Hütte Westfalia in Lünen, Hüttenwerk von Carl von Born in Dortmund, Hasslinghauser Hütte) und ausreichendem Kapital gründete sich schließlich am 14. April 1856 der Berg- und Hütten-Aktienverein Neu-Schottland mit Verwaltungssitz in Dortmund und einem Aktienkapital von 3 Millionen Talern, die auch in Horst hart an der Grenze zu Bergerhausen (später zu Steele gehörig) ein Eisenwerk anlegte. Zu den Gründern zählten prominente Vertreter der am Rhein ansässigen Finanzwelt und der westfälischen Industrie, wie der Bankier Wilhelm von Born, Direktor Weißmüller von der Westphalia-Hütte, Kaufmann Friedrich Schulz, Bürgermeister Schultz aus Lippstadt und der Unternehmer Leerkind aus Hagen-Haspe. Der Name „Neu-Schottland“ war für diese Männer das Programm für eine industrielle Entwicklung nach englischem und schottischem Muster. Das Geschäftsmodell sah eine Zusammenfassung des Kohle- und Erzbergbaues und der Hochofen-, Walzwerk- und Stahlproduktion bis zur Erzeugung von Fertigfabrikaten in einem Großbetrieb vor, so wie es bereits die „Hörder Bergwerks- und Hüttenverein AG“ oder der „Bochumer Verein“ vorgemacht hatten.
In Horst wurde 1856 auf einem Gelände von 70 Morgen mit der Errichtung eines Puddel- und Walzwerkes begonnen und im weiteren Ausbau durch vier Hochöfen, 48 Koksöfen und 12 Puddelöfen ergänzt. Standortvorteile waren unteranderem die nahegelegenen Zechen und ab 1862 die Bergisch-Märkische-Eisenbahn mit ihrem Bahnhof Steele (Königssteele) als Knotenpunkt. Das Horster Eisenwerk erhielt direkte Schienenanbindung an diese Bahnstrecke und war dadurch mit weiteren Eisenwerken der Aktiengesellschaft Neu-Schottland verbunden. Die Hochofenanlage lag unmittelbar an der Bahnstrecke und führte auch den Namen „Freisenbrucher Hütte“. Das Eisenwerk Horst produzierte insbesondere Schienen für den weiteren Eisenbahnbau im Ruhrgebiet und darüber hinaus. Zeitweilig waren rund 2.500 Menschen bei der Aktiengesellschaft Neu-Schottland beschäftigt.
1872 wurde Neu-Schottland durch einen Beschluss einer außerordentlichen Generalversammlung an die Dortmunder Union (Aktiengesellschaft für Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie) verkauft und mit ihr fusioniert. Initiator dieser Transaktion war Friedrich Grillo, der seit 1865 zum Verwaltungsrat von Neu-Schottland gehörte. Der Wert des Unternehmens lag damals bei 2,5 Millionen Talern. So gelangte das Eisenwerk Horst sowie die Henrichshütte in Hattingen und die Dortmunder Hütte zum Unternehmen der Dortmunder Union, das über 12.000 Menschen beschäftigte. In Horst konzentrierte man sich zunächst auf die Produktion von Eisenbahnschienen. Als aber die Eisenbahngesellschaften mehr und mehr Stahlschienen anstelle von Eisenschienen verlangten, traf es den Lebensnerv des Horster Eisenwerkes. So wurde 1875 das Stahlwerk in Horst stillgelegt und die Fabrikation der Stahlschienen auf das besser eingerichtete und mit besseren Resultaten arbeitende Bessemer-Stahlwerk in Dortmund konzentriert. Dadurch geriet das Horster Werk zu einem reinen Verarbeitungsbetrieb. Allerdings blieben die Hochöfen in Horst bestehen und wurden sogar 1880 nach Erleichterung der Absatzsituation technisch verbessert und wieder in Betrieb genommen. Die bisher für die Schweißeisenbehandlung vorhandenen Anlagen wurden, soweit sie dazu taugten, im Jahre 1892 für die Fabrikation von Nieten und Schrauben eingesetzt, um damit den großen Bedarf des Gesamtwerkes an diesem Kleineisenzeug zu decken. Damals beschäftigte das Horster Werk nur noch rund 800 Mitarbeiter. Doch konjunkturelle Rückschläge führten 1900 dazu, dass die Horster Hochöfen ausgeblasen wurden und das Walzwerk stillgelegt wurde. Die Trägerfabrikation verlagerte man nach Dortmund, so dass in Horst nur noch die Schrauben- und Achsenfabrik übrigblieb. 1905 verkaufte die Dortmunder Union dann die Henrichshütte in Hattingen an die Lokomotivfabrik Henschel & Sohn in Kassel und schließlich 1910 das gesamte Vermögen an die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten AG, dem wirtschaftlichen Großgebilde des Ruhr-Königs Hugo Stinnes.
Im Stinnes-Konzern spielte das Horster Eisenwerk nur noch eine untergeordnete Rolle. Die seit 1908 betriebene Fertigung von Waggonfedern wurde ausgedehnt und zusätzlich Hufeisen produziert. Den tiefsten Punkt seiner Entwicklung vom selbständigen Neu-Schottland zur Schraubenfabrik im Verband der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten AG erreichte das Werk in Horst im Jahre 1920, in welchem sich Deutsch-Luxemburg in die Rhein-Elbe-Union auswuchs. 1924 wurden schließlich die gesamten Hochofenanlagen in Horst abgebrochen. Aber auch der neue, gewaltige Konzern musste dem nach immer größerer Vereinheitlichung strebenden Bedürfnis der Gesamtwirtschaft seinen Namen und seine bisherige Rechtsform zum Opfer bringen. Er wurde Grundstock der 1926 gebildeten Vereinigte Stahlwerke Aktiengesellschaft mit rund 200.000 Mitarbeitern. Das kleine Schraubenwerk in Horst überstand die große Wirtschaftskrise der 1920er Jahre erstaunlicherweise recht gut. Innerhalb des neuen Konzerns wechselte das Horster Werk von der Friedrich-Wilhelm-Hütte in Mülheim-Ruhr zum Bochumer Verein über und firmierte sieben Jahre hindurch als Vereinigte Stahlwerke AG – Bochumer Verein – Abteilung Steele – Schraubenfabrik. Die Federnfabrikation wurde 1926 nach Bochum verlagert. Trotz des begrenzten Produktionsprogrammes ging man daran, die Werksanlagen zu modernisieren. 1929 erhielt das Werk einen Ferngasanschluss, der einwandfreie Erzeugnisse, geringen Abbrand, niedrigen Verbrauch von feuerfestem Material und Ersparnis an Arbeitskräften ermöglichte. Ebenso nahm man die Produktion von Spannringen auf. Die Fertigung umfasste seitdem in der Hauptsache Kleineisenzeug für den Eisenbahn-Oberbau, das mit den im Gesamtkonzern hergestellten Schienen an die Deutsche Reichsbahn, aber auch in aller Welt geliefert wurde. Die Belegschaft zählte in diesen Jahren durchschnittlich 300 Mann.
Ende 1933 unternahm die Vereinigte Stahlwerke AG aus politischen Gründen eine völlige Neuorganisation des Konzerns vor. O wurden einzelne Konzernbetriebe ausgegliedert und als eigene Gesellschaft im Verband des Konzerns neu gegründet. Eine dieser Neugründungen war die Dortmund-Hörder-Hütten AG, der das Werk Horst kurzzeitig angeschlossen wurde. Denn bereits im Januar 1934 erhielt das Horster Werk seine Selbständigkeit wieder und trat als Kleineisen- und Schraubenfabrik Steele GmbH in den Kreis selbständig firmierender und produzierender Unternehmungen ein. Mit der Geschäftsführung wurden der Kaufmann August Kröger und der Ingenieur Werner Rehling beauftragt. 1940 erfolgte die Umbenennung in Eisenwerk Steele GmbH. Den zweiten Weltkrieg überstand das Werk mit nur geringen Schäden, so dass es voll leistungsfähig zur Verfügung stand. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gesellschaft im Zuge der Entflechtung der Stahlindustrie im Januar 1952 als Eisenwerk Steele GmbH neu gegründet und als Tochtergesellschaft der Niederrheinische Hütte in Duisburg eingegliedert, die später zur August Thyssen-Hütte kam. 1955 beschäftigte das Werk wieder über 450 Mitarbeiter. Gefertigt wurden bis in die späte Nachkriegszeit Bahnbedarf, Schrauben sowie Produkte des Stahlleichtbaus. Zeitweilig wurden auch Stahlregale hergestellt. Die Schraubenfertigung wird zuletzt über die Vereinigten Schraubenwerke weitergeführt, bevor der Standort 1993 endgültig stillgelegt wurde.
